Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe

Migrationsbezogene Ungleichheiten in den Bereichen Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe erfahren seit langem eine hohe wissenschaftliche Aufmerksamkeit, da sie im Zentrum von Fragen nach sozialer Ungleichheit und der sozialen Integration stehen.

Gesellschaftliche Teilhabe stellt sich wesentlich durch Arbeit und Bildung her. Dies gilt in besonderer Weise für Migrantinnen und Migranten, die in der Regel nicht – wie Einheimische – bereits mit ihrer Sozialisation in der Mehrheitskultur gute Chancen zur gesellschaftlichen Integration haben. Und umgekehrt sind die Teilhabeperspektiven von Zugewanderten grundlegend eingeschränkt, wenn ihre Integration in Beschäftigung dauerhaft fehlschlägt. Teilhabe an Arbeit und Bildung ist ein häufiges Motiv für Migration, und zugleich ist die gesellschaftliche Verteilung individueller Chancen auf Bildung und Erwerbsintegration unter dem Einfluss von Zuwanderung ein zentraler Konflikt in den gesellschaftlichen Debatten um Integration und Migration.

Zahlreiche Studien zeichnen Arbeitsmarktpositionen und Bildungserfolge von Migrantinnen und Migranten nach. Regelmäßig erscheinen sie als besondere Risikogruppe, insbesondere kurz nach ihrer Ankunft im Zielland. Häufig lassen sich Benachteiligungen aber auch noch nach langer Aufenthaltsdauer und über Generationen hinweg erkennen. Schlussfolgerungen für eine moderne Integrationspolitik müssen berücksichtigen, dass Zugewanderte keine homogene Gruppe bilden, sondern sich aufgrund ihrer Einwanderungsmotive, Erwartungen und individuellen Ressourcen stark voneinander unterscheiden. Hinzu kommen Unterschiede, die durch die Zuwanderungs- und Integrationspolitik geschaffen werden, etwa hinsichtlich des Arbeitsmarktzugangs und der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse.

Das Ausmaß der Chancenunterschiede von Migrantinnen und Migranten und die Mechanismen ihrer Verursachung zu benennen ist die verbindende Forschungsfrage dieses Themenfeldes. Sie hat durch die Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit innerhalb der Europäischen Union und durch Flüchtlingsströme aus den Nachbarregionen Europas an Aktualität gewonnen.

Die Frage nach dem Ausmaß und den Gründen von zuwanderungsbezogener Ungleichheit findet sich in unterschiedlichen disziplinären Kontexten der Sozialwissenschaften. Die soziologische Perspektive thematisiert den Einfluss gesellschaftlicher Institutionen auf die Integrationschancen und Bildungserfolge und untersucht individuelle Handlungsorientierungen von Zugewanderten, aber auch von weiteren Akteuren, wie z.B. von Arbeitgebern oder Bildungseinrichtungen. Die politikwissenschaftliche Perspektive rückt die Organisation von Erwerbs- und Bildungschancen durch politische Entscheidungen und die damit verbundenen Interessen in den Mittelpunkt. Aus einer diskurstheoretischen Sicht werden die gesellschaftlichen Debatten und ihr Einfluss auf Politik und Institutionen hervorgehoben. Eine psychologisch-pädagogische Perspektive fokussiert auf die Selbstregulationsfähigkeit von Zugewanderten und deren Entwicklung in sozialen Kontexten. Die ökonomische Perspektive wiederum ist durch die Frage nach Kosten-Nutzen-Bilanzierungen charakterisiert und stellt beispielsweise die Frage, inwiefern sich durch die Qualifikation von Zugwanderten die Humanressourcen einer Gesellschaft verändern.  Die Untersuchung von Ursachen und Folgen der deutlichen Unterschiede in Bezug auf Arbeit, Bildung, und gesellschaftliche Teilhabe zwischen Einheimischen und Zugewanderten stellt eine der wichtigsten Aufgaben zukünftiger interdisziplinärer Forschung dar.

Nur durch das Zusammenführen der Perspektiven unterschiedlicher Fächer können die Zusammenhänge in ihrer Komplexität untersucht werden. Hier gilt es beispielsweise zu erforschen, wie Interventionen in der formalen und non-formalen Bildung Prozesse der Kompetenzentwicklung, Qualifikation und Teilhabe beeinflussen und wie die sich einstellenden Effekte durch Bedingungen bei unterschiedlichen Gruppen von Migrantinnen und Migranten und den Kontext der Intervention bedingt sind. Von hohem Interesse sind darüber hinaus Kompetenzdiagnostiken, die nicht kulturell verzerrt sind. Mit Blick auf die Erwerbsintegration ist aktuell die vergleichende Analyse verschiedener Programme und Maßnahmen der Arbeitsförderung von besonderem Interesse. Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ist im Zeitverlauf zu analysieren, wie sich die berufliche, politische und soziale Platzierung von Migrantinnen und Migranten entwickelt und welche weiteren gesellschaftlichen Folgen sich daraus ergeben.

 

Ansprechpartner

 

 

Prof. Dr. Martin Brussig

Fakultät für Gesellschaftswissenschaften
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