Migration und Komik – Soziale Funktionen und konversationelle Potentiale von Komik und Satire in den interethnischen Beziehungen Deutschlands

Dr. Halyna Leontiy
(Kulturwissenschaftliches Institut – KWI)

Das Forschungsprojekt untersuchte Beziehungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten in Deutschland anhand des Beispiels der Spätaussiedelnden sowie der Deutsch-Türk*innen auf einem neuen Weg, nämlich in Bezug auf die sozialen Funktionen von Komik. Da Komik ein soziales, kultur- und kontextabhängiges, in den Alltag eingebettetes Phänomen darstellt und bei den Beteiligten nicht nur die Bildung von In- und Outgroup, sondern auch einen ungezwungenen Perspektivwechsel und die Revision eigener Wissensbestände ermöglicht, eignet sie sich in besonderer Weise als Gegenstand für die Erforschung inter- und intraethnischer Beziehungen. In dem vorliegenden Projekt ging es darum herauszufinden, wie und mit welchen Mitteln der komischen Genres die Kommunikation zwischen Migrant*innen und Einheimischen (sowie zwischen Migrant*innen untereinander) hergestellt wird, wie sie wirkt und welche Reaktionen sie hervorruft, wie Migrant*innen mithilfe der Komik ihre (oft konfliktreichen) Migrationserlebnisse verarbeiten und Identitätskonflikte bewältigen, aber auch wann die Komik ausbleibt. Aus der Perspektive der Kultur-, Sprach- und Kommunikationssoziologie, der Soziolinguistik sowie mithilfe einer für das Projekt entworfenen Methodenkombination wurde die Untersuchung auf zwei Ebenen durchgeführt:

1) Auf der Ebene der institutionalisierten Komik in Form von Ethno-Kabarett/-Comedy.

2) Auf der Ebene der konversationellen Komik im Alltag. Hierzu wurden am Beispiel ausgewählter Migrant*innen-Gruppen in mehreren Orten des NRW ethnographische Studien durchgeführt, welche Aufschluss über die Beziehungen und Kommunikationsvorgänge innerhalb der Gruppen selbst und in Bezug auf Einheimische sowie andere Ethnien gaben.

Projektmitarbeit: Gülizar Yilmaz | Inna Hirsch | Lisa Weißmann | Helene Becker | Nastya Salamativ
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Laufzeit: 10/2012 – 05/2016
///

Kooperationen

Interne Kooperationen:
Prof. Dr. Hans Georg Soeffner (KWI)
Prof. Dr. Jo Reicherzt (KWI)
Externe Kooperationen:
Prof. Dr. Beatrix Müller-Kampell (Universität Graz)
Prof. Dr. Jürgen Raab (Universität Koblenz-Landau)

Publikationen

Leontiy, Halyna (i.E.): „Ansonsten wird viel gesungen, und da wir uns für die Komik interessieren, wird uns eine lustige Predigt erwarten“. Kategoriale Diversität und Interaktionsdynamik beim Zugang zum Forschungsfeld. In: Halyna Leontiy/Schulz, Miklas (Hrsg.): Ethnographie und Diversität. Wissensproduktion an den Grenzen und die Grenzen der Wissensproduktion. Wiesbaden: Springer.

Leontiy, Halyna (2018): »Die fassen sich da an«: Aggressiv-spaßige Kommunikation mit Referenzen auf Homosexualität in einer Gruppe junger Männer mit Migrationshintergrund. In: Gero Bauer/Regina Ammicht Quinn/Ingrid Hotz-Davies (Hrsg.): Die Naturalisierung des Geschlechts: Zur Beharrlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit. Bielefeld: transcript (Schriftenreihe „Gender Studies“).

Leontiy, Halyna (2017) (Hrsg.): (Un-)Komische Wirklichkeiten. Komik und Satire in Migrations- und Kulturkontexten. Buchreihe „Erlebniswelten“. Springer: Wiesbaden.

Leontiy, Halyna/Gülizar Yilmaz (2017): „Turteltäubchen Alter“. Ambivalentes Spiel zwischen Aggression und Spaß als Kommunikationskultur der Alltagskomik einer deutsch-türkischen Jugendgruppe in NRW. In: Halyna Leontiy (Hrsg.): Komische Wirklichkeiten. Springer: Wiesbaden.

Leontiy, Halyna (2016): „Voll die geile klejonka hier eh“ – Zur Rolle der Mehrsprachigkeit in der Alltagskommunikation junger Spätaussiedler/innen im Ruhrgebiet. In: Katja F. Cantone/Anastasia Moraitis (Hrsg.): Vielfältig und doch individuell. Mehrsprachigkeit in der Ruhrmetropole. UNIKATE Heft 49/2016.

Leontiy, Halyna (2014): Deutsch-Türken und Spätaussiedler im Spiegel der Satire und Komik auf der Bühne. Aktueller Forschungsstand des DFG-Forschungsprojektes „Migration und Komik“. In: Hans-Georg Soeffner/Thea D. Boldt (Hrsg.): Fragiler Pluralismus. Wiesbaden: VS, 159-175.